Zwischenruf

Du bist kein Fluss · Denken, Diskontinuität und Stille

Veränderung gilt als schwer. Als etwas, das Zeit braucht, Disziplin, Wiederholung. Man kennt die Bilder: eingefahrene Bahnen, tiefe Rillen, ein Flussbett, das sich nur über Jahre verlegt. Wer sich ändern will, muss gegen die Strömung schwimmen.

Ich glaube, dieses Bild stimmt nicht. Und ich glaube, es kostet uns mehr, als wir merken.

Woher das Flussbild kommt

Wir denken über unser Denken in Bildern, die aus der Physik stammen. Ein Reiz kommt herein, eine Erfahrung prägt sich ein, Neuronen verknüpfen sich, und beim nächsten Mal läuft es die gleiche Bahn. Denken als Strom: Ein Gedanke geht aus dem vorherigen hervor, folgerichtig, gerichtet, ohne Sprung. Ich denke so, weil ich das erlebt habe. Ich bin so, weil ich so geworden bin.

Das Bild hat Kraft, weil es erklärt, warum Dinge bleiben, wie sie sind. Es erklärt aber auch, warum wir uns für gefangen halten.

Was wäre, wenn die Kontinuität, die du in deinem Denken erlebst, gar nicht im Denken liegt · sondern in der Erzählung, die du hinterher darüber machst?

Was tatsächlich passiert

Achte einmal darauf, wie ein Gedanke endet. Nicht wie er anfängt · wie er aufhört.

Du bist mitten in einer Überlegung, und dann ist sie weg. Nicht zu Ende gedacht, nicht abgeschlossen, einfach nicht mehr da. Und im nächsten Moment bist du woanders. Nicht ein Stück weiter auf demselben Weg, sondern in einem anderen Raum, mit anderer Stimmung, anderer Logik, anderem Vokabular. Eben noch Termindruck, jetzt eine Kindheitserinnerung. Eben noch Ärger, jetzt eine Idee.

Dazwischen war nichts. Oder genauer: dazwischen war kein Gedanke.

Wir überspringen diese Stelle beim Erzählen. Wir sagen: „Da fiel mir ein …", „Ich kam dann darauf, dass …" · und stellen so nachträglich die Brücke her, über die wir nie gegangen sind. Der Verstand baut das Flussbett hinterher um Tropfen herum, die einzeln fielen.

Wann hast du zuletzt einen deiner Gedanken tatsächlich kommen sehen · und nicht nur bemerkt, dass er schon da war?

Was Varela dazu sagt

Der Biologe Francisco Varela hat das nüchterner formuliert, als es hier klingt. Er beschreibt das Ich nicht als feste Einheit und auch nicht als fließende Entwicklung, sondern als eine spezifische Musterprägung unter vielen gleichzeitig möglichen. Als einen Zustand, der sich eben realisiert hat. Andere wären genauso möglich gewesen. Verschiebt sich das System ein wenig, entsteht eine neue Konfiguration · einmal so, einmal anders.

Ein Gedanke ist dann nichts, was das Gehirn absondert wie eine Drüse ihr Sekret. Er ist, in Varelas Worten, unsere Teilnahme an vielfältigen Kohärenzen, die alle zur gleichen Zeit ihre Zustände durchlaufen. Die Entfaltung eines Zustands aus vielen. Und ein anderer Gedanke wäre möglich gewesen · ohne große Anstrengung.

Zwei Dinge muss man zusammendenken, sagt Varela: die Diskontinuität der Erfahrung, damit Lücken bleiben, aus denen neue Zustände entstehen können · und dass Denken Teilnahme ist, keine Produktion.

Das ist keine Esoterik, das ist Neurophänomenologie. Und es kehrt das Flussbild um: Nicht das Denken ist das Durchgehende und die Pause die Störung. Die Pause ist der Normalfall, und was wir Gedankenstrom nennen, ist eine Kette von Sprüngen mit nachträglich eingezogener Kausalität.

Was Varela nicht sagt, sondern was ich darin lese: In der Lücke liegt die Wahl. Solange ein Gedanke sich an den nächsten reiht, wählt niemand · das ist Autopilot. Erst wo die Kette reißt, wird ein anderer Möglichkeitsraum überhaupt erreichbar als der, der ohnehin an der Reihe gewesen wäre.

Ohne Diskontinuität keine Schöpferkraft. Wann hast du zuletzt einen Gedanken gewählt · und nicht einfach den genommen, der als nächster kam?

(Francisco Varela, zitiert in: Rainer Kakuska (Hrsg.): Andere Wirklichkeiten. Die neue Konvergenz von Naturwissenschaften und spirituellen Traditionen. Goldmann, München 1986, S. 188f.)

Zwei Ebenen, nicht ein Widerspruch

Etwas läuft durch. Ich nenne es Bewusstsein und verstehe darunter kein Denkorgan, sondern ein Feld von Möglichkeiten · das, was der Physiker David Bohm die implizite Ordnung nannte (die eingefaltete Ordnung: eine Ganzheit, in der alles enthalten ist, ungetrennt und noch nicht entfaltet). Was daraus hervortritt und Gestalt annimmt · ein Ding, ein Ereignis, ein Gedanke · nennt er die explizite Ordnung (die entfaltete). Denken ist dann kein Erzeuger, sondern ein Ausschnitt. Eine Entfaltung. Eine von unzähligen möglichen.

Das ist eine Setzung, kein Beweis. Bohm hat sie als Deutung vorgelegt, nicht als Messergebnis, und Varela wäre diesen Schritt so nicht mitgegangen · er bleibt beim lebenden System. Ich gehe ihn, weil er zu dem passt, was ich erlebe. Du musst ihn nicht gehen, um den Rest zu verstehen.

Aber Bohm liefert die Erklärung für die Täuschung gleich mit: Die explizite Ordnung erscheint uns als Strom, weil wir die implizite nicht ausschöpfen. Wir sehen den einen realisierten Zustand und halten ihn für das Ganze. Der Strom ist kein Naturgesetz. Er ist ein Ausschnitt, den wir für den Film halten.

Das Feld fließt. Die Gedanken springen. Beides zugleich.

Was ändert sich für dich, wenn du dich nicht als deinen Gedankenstrom verstehst, sondern als das Feld, aus dem er jeweils einen Ausschnitt zeigt?

Warum Veränderung dann anders aussieht

Wenn Denken springt, ist Veränderung nicht zäh. Sie ist unbemerkt.

Dann geht es nicht darum, ein Flussbett umzugraben. Es geht darum, überhaupt wahrzunehmen, dass da laufend Sprünge passieren · dutzendfach am Tag, an Stellen, wo du glaubst, geradeaus zu denken. Nicht die Trägheit hält dich, sondern die Erzählung von der Trägheit. Du bist kein Fluss. Du bist in Sprüngen unterwegs und erzählst dir einen Fluss.

Und jetzt die unbequeme Stelle: Warum merken wir davon so wenig?

Weil die Lücke leise ist. Sie hat keine Stimme, keinen Inhalt, nichts, woran der Verstand sich festhalten könnte. Wer ununterbrochen redet, denkt, plant, scrollt, überspringt sie zuverlässig. Man kann jahrzehntelang wach sein, ohne eine einzige Lücke bemerkt zu haben.

Deshalb Stille

Das ist für mich der Grund, warum Stille im sokratischen Gespräch nicht Deko ist und keine Methode.

Über die Pause nach der Frage habe ich hier schon einmal geschrieben · über den Impuls, sie zu füllen, und darüber, was geschieht, wenn eine Gruppe sie aushält. Damals habe ich beschrieben, was passiert. Erklären konnte ich es nicht.

Jetzt kann ich es: In dieser Pause steht die nächste Konfiguration noch nicht fest.

Bohm hatte dafür einen Begriff, der genauer ist als alles, was mir sonst einfällt: Propriozeption des Denkens. Der Körper spürt, dass er sich bewegt, während er sich bewegt · ohne hinzusehen, ohne nachzurechnen. Für das Denken fehlt uns diese Wahrnehmung fast vollständig. Wir denken und merken es nicht, wir sind unsere Gedanken, statt sie sich bewegen zu sehen. Und der „Denker", der das angeblich beobachtet, ist nach Bohm selbst nur ein Produkt des Denkens · keine höhere Instanz, sondern noch ein Gedanke.

Wer diesen zweiten Menschen in sich kennt · den, der während des Zuhörens prüft, ob einem das Offensein gerade gelingt · kennt Bohms Denker aus eigener Anschauung. Er ist nicht die Instanz, die über dem Denken steht. Er ist der Reflex, der sich dafür hält.

Was einzeln kaum gelingt, kann eine Gruppe gemeinsam · das war Bohms Grund, überhaupt über Dialog zu schreiben. Nicht damit besser argumentiert wird. Damit ein Denken sich beim Denken zusieht.

Wie oft in einem Gespräch merkst du, dass du gerade denkst · und nicht erst hinterher, was du gedacht hast?

Was ich in dieser Stille erlebe, nennen die meisten Intuition. Für mich ist das Wort zu klein. Ich erlebe es nicht als Ahnung und nicht als Bauchgefühl, sondern als ein sehr waches Empfangen. Hellwissen ist mein Wort dafür. Es kommt nicht aus dem Nachdenken, es kommt, wenn das Nachdenken aufhört, und es hat eine Klarheit, die kein Gedankengang produziert. Es ist sofort da, einfach zu verstehen und braucht keine Begründung.

Ich weiß, dass ich das nicht beweisen kann. Es ist meine Erfahrung, keine Studie. Wer dieselbe Erfahrung nicht kennt, hat jedes Recht, hier nicht mitzugehen. Was mich interessiert, ist nicht, ob du mir zustimmst · sondern ob du etwas Ähnliches kennst und bisher kleiner genannt hast, als es ist.

Wann hast du zuletzt etwas gewusst, ohne dass du dich erinnern könntest, es gedacht zu haben?

Kierkegaard, ein Einwand von 1847

Es gibt einen Vorwurf, der an dieser Stelle immer kommt: Das sei alles unwissenschaftlich, es entziehe sich der Prüfung, damit sei es nichts wert.

Kierkegaard hat dazu vor knapp zweihundert Jahren etwas in sein Tagebuch geschrieben, das seither nichts von seiner Schärfe verloren hat. Er wirft Kant vor, nicht bestimmt genug festgehalten zu haben, dass das Unerklärliche eine eigene Kategorie ist, dass das Paradox eine eigene Kategorie ist · und dass sich darum eigentlich alles drehe. Und weiter:

Wenn menschliche Wissenschaft nicht anerkennen will, dass es etwas gibt, das sie nicht verstehen kann · oder noch genauer: etwas, wovon sie mit Klarheit verstehen kann, dass sie es nicht verstehen kann · dann ist alles verwirrt. Es ist nämlich eine Aufgabe für das menschliche Erkennen, zu verstehen, dass es etwas gibt, und welches es ist, das es nicht verstehen kann.

(Journal NB, Eintrag NB:125, 1847 · SKS 20, 88f. · Pap. VIII 1 A 11 · Übersetzung aus dem Dänischen)

Das ist kein Denkverbot. Es ist das Gegenteil: die Aufforderung, so genau zu denken, dass man die eigene Grenze bestimmen kann. Nicht ungefähr ahnen, dass da eine ist · sondern wissen, wo sie verläuft.

Genau das geschieht in einem guten Gespräch. Man denkt bis dorthin, wo das Denken nichts mehr hergibt. Und dann wird es still.

Was bleibt

Gangaji hat sich in den siebziger Jahren der Spiritualität zugewandt und jahrelang geübt. Jede Übung ließ sie gegen dieselbe Wand laufen. Sie dachte, es liege an ihr · zu wenig geübt, den richtigen Lehrer noch nicht gefunden. Bis jemand einen Satz zu ihr sagte, den sie so noch nie gehört hatte: Stop. Finde heraus, wer du bist. Als sie die Suche tatsächlich einstellte und anfing zu untersuchen, stellte sie fest, „dass es diejenige, die ich zu sein glaubte, gar nicht gibt, dass jede Vorstellung davon, wer ich bin, nur ein Gedanke ist".

(Gangaji, zitiert in: Schlitz / Vieten / Amorok: Innig leben. Die Kunst der Transformation, S. 64)

Vor zwei Wochen ging es hier darum, aufzuhören, jemand werden zu wollen. Das ist dieselbe Bewegung von der anderen Seite. Dort: hör auf, in der Zukunft zu leben. Hier: sieh nach, wer da eigentlich etwas werden will · und ob zwischen zwei Gedanken überhaupt jemand ist, der das könnte.

Ich habe in diesem Text drei Denker aufgerufen. Keiner von ihnen kann dir sagen, was in deiner Stille geschieht. Ich auch nicht. Ein übernommener Gedanke bleibt genau das · ein weiterer Gedanke im System, ein weiterer Reflex, auch wenn er von Bohm stammt. Fremde Sätze zu glauben ist bequemer als nachzusehen, und es bringt nichts.

Ich habe keine Übung anzubieten und keinen Weg in sieben Schritten. Nur eine Verschiebung, die sich prüfen lässt · an dir selbst, heute:

Achte im nächsten Gespräch nicht auf den nächsten Satz. Achte auf die Stelle, an der der vorherige Gedanke aufhört und noch keiner nachgekommen ist.

Ist da nichts? Oder ist da alles?


Diese Zwischenrufe erscheinen unregelmäßig · immer dann, wenn eine Frage sich nicht wegdenken lässt. Wer sie direkt lesen möchte, kann sie sich zuschicken lassen.