Zwischenruf

Kannst du wollen, nichts zu wollen? · Ein Zwischenruf

Sag einem Menschen „Entspann dich" und sieh zu, was passiert. Er entspannt sich nicht. Er fängt an zu arbeiten.

Ich kenne das aus Gesprächen, in denen ich mir vorgenommen hatte, nichts zu wollen. Kein Ergebnis, keinen Rat, keine Wendung zum Guten. Nur zuhören. Und während ich zuhörte, saß da jemand in mir, der prüfte, ob mir das gerade gelingt. Kennst du diesen zweiten Menschen in dir · den, der beobachtet, ob du offen genug bist?

Der Vorsatz bringt hervor, was er abschaffen soll. Wer absichtslos sein will, hat eine Absicht. Wer sich vornimmt, nichts zu erwarten, erwartet etwas: dass es ihm gelingt. Was passiert mit einer Haltung in dem Moment, in dem du sie dir vornimmst?

Und es kostet. Eine Haltung, die du gegen dich selbst durchhalten musst, ist Arbeit, auch wenn sie nach Gelassenheit aussieht. Man sieht sie Menschen an. Sie hören zu und sind angestrengt dabei, gut zuzuhören. Sie halten sich zurück, und du merkst jede Sekunde, dass sie sich zurückhalten. Wie lange hältst du so etwas durch, bevor du müde wirst · und was tust du dann?

Es betrifft nicht nur Gespräche. Schlaf kommt nicht, weil du dich bemühst. Ein Einfall kommt selten am Schreibtisch, sondern beim Spülen. Trauer hört nicht auf, weil du beschließt, dass es jetzt reicht. Vieles, was uns wirklich angeht, gehorcht dem Willen nicht · und trotzdem versuchen wir es zuerst immer mit ihm. Was in deinem Leben lässt sich beim besten Willen nicht herbeiwollen?

Vielleicht suchen wir an der falschen Stelle. Vielleicht ist Absichtslosigkeit gar keine Eigenschaft von Menschen. Vielleicht ist sie eine Eigenschaft von Orten. Es gibt Räume, in denen du dich zusammennehmen musst, und es gibt Räume, in denen das von selbst aufhört. Fällt dir ein Ort ein, an dem du nichts erreichen wolltest · ohne es dir vorgenommen zu haben?

Der Biologe Humberto Maturana hat etwas beschrieben, das dabei hilft: Lebendiges lässt sich nicht instruieren. Du kannst anstoßen. Was der Anstoß auslöst, entscheidet nicht der, der anstößt, sondern der, bei dem er ankommt. Denk an den einen Satz, der in deinem Leben etwas umgestellt hat. Wie beiläufig ist er gefallen?

Meistens war es nicht der sorgfältig gebaute Rat. Der prallte ab. Es war ein Nebensatz, den jemand gar nicht wichtig meinte, und er blieb jahrelang. Wenn das stimmt · was rechtfertigt dann noch die Mühe, in einem Gespräch das Ergebnis herstellen zu wollen? Wen bedient diese Mühe eigentlich: den, der zuhört, oder den, der spricht?

In unseren Dialogkreisen sagt hin und wieder jemand am Ende, er habe heute nichts mitgenommen. Früher hat mich das beunruhigt. Inzwischen warte ich ab. Manchmal kommt Tage später eine Nachricht, in der ein Satz auftaucht, den an dem Abend niemand für wichtig gehalten hätte. Woher willst du in dem Moment, in dem etwas zu Ende geht, überhaupt wissen, was es war?

Ich habe hier vor einiger Zeit geschrieben, ich wisse nicht, ob man Räume bauen kann, in denen niemand etwas mit dir vorhat. Inzwischen halte ich das für die falsche Frage. Sie lautet nicht, ob die Menschen in einem Raum absichtslos sein können. Sie lautet, ob der Raum es ist. Denn wenn der Raum selbst nichts erreichen will, muss niemand darin gegen sein eigenes Wollen ankämpfen. Was fällt weg, wenn nichts von dir erwartet wird · und was bleibt dann übrig?

Das hat Folgen für die Bauart. Kein Ziel am Anfang. Kein Ergebnis am Ende. Keine Runde, in der jeder sagt, was er mitnimmt. Nichts, das auf Verwertung wartet. Es klingt nach wenig. Aber frag dich einmal ehrlich: Was würdest du in einem Gespräch sagen, wenn hinterher niemand wissen will, was es gebracht hat?

Der naheliegende Einwand: Wenn niemand etwas will, warum dann überhaupt zusammenkommen? Ist das nicht Beliebigkeit? Ich glaube, es ist das Gegenteil. Absichtslos heißt nicht teilnahmslos. Es heißt: Ich bin ganz da, aber ich habe kein Ergebnis im Kopf, an dem ich dich messe. Spürst du den Unterschied zwischen jemandem, der dir zuhört, und jemandem, der schon weiß, wo das hinführen soll?

Einen Preis hat das, und ich will ihn nicht verschweigen. Wer nichts verspricht, kann auch nichts garantieren. Du kannst an einem solchen Abend sitzen, und es passiert nichts. Kein Aha, keine Klarheit, kein Fortschritt. Hältst du das aus · einen Abend, der nichts abwirft, obwohl du Zeit dafür hergegeben hast?

Ganz sauber ist die Sache ohnehin nicht. Wer einen ziellosen Raum anbietet, verfolgt damit ein Ziel, und ich bin von diesem Widerspruch nicht ausgenommen. Der Unterschied liegt nur darin, wo die Anstrengung sitzt. Sie sitzt dann in der Konstruktion und nicht in dir. Du musst dich nicht dauernd davon lösen, etwas zu wollen. Du gehst an einen Ort, an dem dieses Wollen keine Aufgabe hat.

Vielleicht ist das die ganze Bewegung: nicht besser werden, sondern woanders sitzen.

Wo strengst du dich gerade an, etwas nicht zu wollen? Und was wäre, wenn du dafür nicht an dir arbeiten müsstest · sondern nur den Ort wechseln?

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