Zwischenruf

Machst du Urlaub · oder kommentierst du ihn?

Am dritten Tag stand ich am Wasser und sah der Sonne beim Untergehen zu. Es war schön. Und noch bevor ich richtig hingesehen hatte, war der Satz schon fertig: schöner als letztes Jahr. Ich hatte den Himmel nicht angeschaut. Ich hatte ihn verglichen.

Wir fahren weg, um Abstand zu bekommen. Der Laptop bleibt zu Hause, die Mails sind abgestellt, das Telefon liegt irgendwo im Zimmer. Wir machen Urlaub von der Arbeit. Aber von dem, was den ganzen Tag in uns mitspricht, nimmt niemand frei. Der Kommentator ist mitgefahren. Und er hat bessere Bedingungen als sonst: mehr Zeit, mehr Neues, mehr, was sich einordnen lässt.

Er arbeitet leise und ununterbrochen. Das Frühstück ist zu teuer. Die Straße unten ist lauter als in der Beschreibung. Das Meer ist ruhiger als gestern. Nichts davon ist falsch. Aber sieh genau hin, was dabei geschieht: Zwischen mich und das, was da ist, schiebt sich jedes Mal ein Satz. Ich erlebe nicht, ich beurteile. Und wer beurteilt, steht daneben.

Vielleicht ist das kein Versehen. Solange ich etwas einordne, muss ich nicht darin sein. Der Kommentar ist weniger ein Fehler als ein Geländer · er hält mich auf sicherem Abstand zu allem, was mich sonst erreichen könnte. Was müsstest du aushalten, wenn du eine halbe Stunde lang nichts über das sagen würdest, was du siehst?

Am gründlichsten kommentiert er ohnehin nicht das Meer, sondern mich. Erhole ich mich eigentlich richtig? War das jetzt ein guter Tag? Nutze ich die Zeit? So bekommt selbst das Freisein eine Note, und die Erholung wird zur nächsten Aufgabe, bei der man gut oder schlecht abschneiden kann. Wie soll jemand ankommen, der sich beim Ankommen zusieht?

Dazu kommt die zweite Schicht, die lautere: das Erzählen. „Wie war's?“ Die Frage kommt am Abend und noch einmal nach der Rückkehr, und wir beantworten sie oft schon, während der Tag noch läuft. Das Foto entsteht mitten im Moment. Die Formulierung liegt bereit, bevor irgendetwas zu Ende ist. Hast du den Tag erlebt · oder hast du ihn währenddessen schon fürs Erzählen sortiert?

Neulich habe ich über die Pause nach einer Frage geschrieben · über die Stille, die wir im Gespräch so schwer aushalten. Das hier ist ihre unauffälligere Schwester. Es geht nicht um das Schweigen, das wir zu früh unterbrechen. Es geht um das, das gar nicht erst eintritt, weil in uns ohne Unterlass weitergesprochen wird · so normal, dass es niemandem auffällt.

Ich merke es meistens erst, wenn es aufhört. Es gibt Momente, die keinen Kommentar zulassen. Wenn man weit genug hinausgeschwommen ist und die Füße den Grund verlieren. Wenn es nachts so dunkel ist, dass nichts mehr zu sortieren bleibt. Da fällt der Satz einfach weg, und für ein paar Atemzüge bin ich da, ohne etwas darüber zu wissen. Erst danach höre ich, wie laut es vorher war.

Herstellen kann ich das nicht. Ich habe es versucht, und der Versuch selbst ist der Fehler: sich vorzunehmen, nicht mehr zu bewerten, ist bereits eine Bewertung. Wer sich beim Kommentieren ertappt und sich dafür tadelt, hat den Kommentator nur befördert. Was bliebe übrig, wenn du ihn weder abstellen noch bekämpfen würdest?

Was ich beobachte, ist etwas anderes: Er wird von selbst leiser, wenn ihn niemand braucht. Wenn nichts verglichen, entschieden oder berichtet werden muss. Das sind nicht viele Stunden im Jahr. Ein Urlaub kann so eine Zeit sein · er muss es nicht. Manche kommen zurück und haben zwei Wochen lang durchgeredet, innen wie außen, und sind erschöpfter als vorher.

Und du: Wovon machst du in diesem Sommer eigentlich frei · und wovon nicht?

Fragen wie diese stellen wir im Neuen Sokratischen Dialog · in Runden, in denen nichts eingeordnet werden muss. Am Mittwoch, 12. August, ist der offene Online-Abend „Atemlos durch dein Leben?“ · die Tür steht offen.