Zwischenruf

Ein Satz, der mir zu gut gefiel · Buddha und Dialog

„Buddha rief keine Religion ins Leben, sondern eine Aufklärungsbewegung." Ich las diesen Satz und war sofort einverstanden. Genau das hätte mich stutzig machen sollen.

Der Satz geht weiter. Buddha habe die eigene Weisheit der Menschen hervorholen wollen, statt eine Wahrheit zu verkünden. Er habe im Dialog gelehrt, wie Sokrates und Konfuzius. Er habe gefragt, kritisches Denken angestoßen, Menschen geholfen, ihre eigenen Täuschungen zu durchschauen.

Ich begleite seit Jahren sokratische Gespräche. Und da stand: der Buddha auch. Sokrates auch. Konfuzius auch. Drei Namen, die niemand anzweifelt, und alle drei auf meiner Seite.

Ich habe den Satz nicht geprüft. Ich habe ihn eingesteckt.

Was passiert, wenn ein Satz uns recht gibt

Bei Sätzen, die mir widersprechen, bin ich wach. Ich suche die Lücke, den Denkfehler, die schiefe Quelle. Bei Sätzen, die mir recht geben, mache ich das nicht. Da nicke ich und blättere um.

Das ist keine Nachlässigkeit, es fühlt sich nicht einmal wie eine Entscheidung an. Es fühlt sich an wie Erkennen: Ja, so ist es. Wo hast du zuletzt gespürt, dass ein Satz stimmt · und woran genau hast du das gemerkt?

Die Prüfung, die ich zuerst ausgelassen habe

Später habe ich nachgesehen. Und die Sache ist unangenehmer, als sie klingt, weil beides zutrifft.

Was standhält: Die überlieferten Reden sind tatsächlich überwiegend Gespräche, keine Traktate. Es gibt sogar eine ausdrückliche Lehre vom Antworten · vier Arten, auf eine Frage einzugehen, und eine davon ist die Gegenfrage. In der Rede an die Kālāmer steht wirklich, man solle nicht auf Hörensagen bauen, nicht auf Überlieferung, nicht auf Schriften und nicht auf die Autorität eines Lehrers. Und es gibt Fragen, die er unbeantwortet stehen lässt, statt sie zu erledigen.

Was nicht standhält: „Aufklärung" ist ein Wort des 18. Jahrhunderts. Es wird hier angelegt, nicht gefunden. Die Gegenfrage ist eine von vier Antwortarten · die erste ist die klare Ansage. Es heißt nicht „die vier edlen Fragen". Und der Vergleich mit Sokrates bricht genau dort, wo es zählt: Sokrates führt sein Gegenüber in die Ratlosigkeit und lässt es dort. Der Buddha führt heraus. Der eine nimmt weg, der andere gibt.

Dazu kommt etwas, das ich nicht erwartet hatte. Dieser dialogische, vernünftige, unreligiöse Buddha ist ungefähr 150 Jahre alt. Als christliche Missionare im 19. Jahrhundert den Buddhismus Aberglauben nannten, antworteten Buddhisten mit einer Gegenfigur: kein Schöpfergott, keine Glaubensforderung, Vernunft statt Offenbarung, prüfen statt gehorchen. Religionswissenschaftler nennen sie heute den wissenschaftlichen Buddha. Sie ist nicht frei erfunden. Aber sie ist eine Auswahl, zusammengestellt für einen Streit, den wir längst nicht mehr führen.

Der Satz, dem ich sofort geglaubt hatte, war also nicht falsch. Er war eine Empfehlung. Für etwas, das ich ohnehin gut finde. Wie viele deiner sicheren Überzeugungen sind auf diesem Weg zu dir gekommen?

Wozu brauchte ich den Kronzeugen?

Hier wird es unangenehm, und dieser Teil gehört mir allein.

Ob ein Gespräch trägt, entscheidet sich an einem Dienstagabend, in einem Raum, mit acht Menschen, die einander zuhören oder eben nicht. Es entscheidet sich daran, ob jemand etwas sagt, das er vorher nicht wusste. Es entscheidet sich nicht vor zweieinhalbtausend Jahren in Nordindien.

Und trotzdem war da diese kleine Erleichterung, als ich den Satz las. Buddha auch. Was war das für ein Gefühl · und wonach hatte es gesucht?

Ich glaube, es hat nach Deckung gesucht. Wer einen berühmten Zeugen für das eigene Fragen braucht, hat in diesem Moment aufgehört zu fragen. Er hat sich hinter jemanden gestellt.

Der Test, durch den ich gefallen bin

Das Schöne an diesem Satz ist, dass er sich selbst prüft.

Wenn er stimmt · wenn es dem Buddha wirklich darum ging, dass Menschen selbst denken statt zu glauben · dann ist die einzige angemessene Reaktion auf den Satz, ihn nicht zu glauben. Sondern nachzusehen. Wer ihn andächtig übernimmt, hat ihn in dem Moment widerlegt, in dem er zustimmt.

Das ist kein Paradox zum Bewundern. Es ist eine Prüfung, und ich bin bei ihr zuerst durchgefallen.

Kant hat das „Selbstdenken" genannt und den Mut dazu eingefordert. Der Mut wird meistens dort verlangt, wo wir widersprechen müssten. Ich merke gerade: Schwieriger ist er dort, wo wir zustimmen möchten.

Was den Dialog wertvoll macht, muss sich also hier zeigen, in diesem Raum, an diesem Abend, mit diesen Menschen. Nicht in einer Ahnenreihe. Eine Praxis, die ihren Wert aus großen Namen zieht, hat ihn geliehen · und wer leiht, muss zurückgeben.

Nächste Woche sitze ich wieder in einem Neuen Sokratischen Dialogkreis. Niemand dort ist Buddha. Das ist die Voraussetzung, nicht der Mangel.

Und die Frage bleibt bei dir: Welcher Satz hat dir in letzter Zeit zu gut gefallen · und was hast du mit ihm gemacht?


Hinweis: Ausgangspunkt war das Vorwort von Robert Thurman in: Marilyn Mandala Schlitz, Cassandra Vieten, Tina Amorok: „Innig leben. Die Kunst der Transformation", Silberschnur 2022, S. 10.