Zwischenruf

Das Leiden · ein Tabu unserer Zeit?

gestern Abend ging es tief.  Das Leid kennt keine Fremden, es ist jedem bekannt. Wir reden nicht offen darüber. Männer aus Prinzip nicht. Wer leidet, gilt als schwach. Und Männer dürfen in unserer Kultur nicht schwach sein · weshalb sie schwach sind (meine Einschätzung). 

Der Umgang mit dem eigenen Leiden ist so vielfältig. Ablenkung durch Ignoranz, Ablenkung durch den Fokus auf das Leid von anderen, Ablenkung durch Opferhaltung, Ablenkung durch Resignation, Ablenkung durch fortlaufende Aktivität (und Vermeidung der Stille), ...

Wir haben es gestern Abend geschafft, das Leid aus dem Nebenzimmer (für uneheliche Kinder · wie früher) herauszuholen, es anzuschauen. So gut es gestern eben für jeden möglich war. Dieser Aspekt am Neuen Sokratischen Dialog · das so Sein-können, ohne moralischen Zeigefinger, ohne lehrerhaften Impuls tiefer zu gehen, genauer hinzuschauen · und dennoch einzuladen, sich zu zeigen oder wie nannte es Christian "preis-geben". Was für ein wundersames Wort: preis-geben.

Und das Leiden selbst, als Eingangstor für Wandlung, für neue Tiefen im Leben. Das Leiden als Verbindungspotenzial, um in besseren Kontakt mit anderen (und mit sich zu kommen). Das Leiden als Teil der Melancholie. Das Leiden als die Folge eines Kontrollwunsches des eigenen Lebens, wie ein Festhalten an etwas, was du nicht festhalten kannst. Oder das Leiden als Kennzeichen, dass ich meinen Selbstausdruck nicht leben kann?

Natürlich das Leiden als Erwartungen (ich warte · auf was?) an die Realität, und diese folgt meiner Erwartung nicht. Was ändere ich nun: Die Erwartung oder die Realität? Welchen Weg bin ich bereit zu gehen? Das Leiden als fehlende Selbstliebe? 

Uns war es gestern nicht möglich, genau zu erfassen, was Leid im Grunde nach ist. Für mich hat es viel mit fokussierter Aufmerksamkeit zu tun, Gedankenkino, dass schlaflose Nächte verursacht. Es bezeugt einen Zustand, der wichtig für mich ist und bei dem es keine einfache Lösung gibt.

Neben dem leiblichen Leiden, dass gestern kaum Thema war, gibt es aus meiner Sicht ein Leiden an Zielen und Erwartungen anderer (und meiner natürlich). Es bezieht sich bei mir oftmals auf die Zukunft, selten auf die Gegenwart (das sind eher die leiblichen Leiden).

Und dann noch die Frage: Darf ich Leid bei anderen verursachen? Darf ich mich trennen, obwohl ich weiß, dass die Kinder "leiden" werden? Ab wann wird Leiden so leidvoll, dass es schadet? Nachhaltig? Das jemand daran zerbricht?

Leid ist kein klarer Begriff für mich. Es ist ein Prozess, etwas nicht greifbares, nicht messbares, nicht bewertbares. So flüchtig und präsent wie das Leben selbst.