Zwischenruf

Wählst du · oder wählst du aus?

Du funktionierst. Aufgaben erledigt, Rechnungen bezahlt, verlässlich. Und trotzdem ist irgendwo zwischen all dem Funktionieren etwas verloren gegangen, das sich nicht benennen lässt. Vielleicht liegt es daran, dass du vergessen hast zu wählen · und nur noch auswählst.

Ein Unterschied, den viele nicht kennen

Stell dir vor, du sitzt im Restaurant. Die Karte liegt vor dir, du entscheidest dich für ein Gericht, du fühlst dich frei. Du hast gewählt.

Oder hast du ausgewählt?

Auf den ersten Blick ist das dasselbe. Der Unterschied ist klein, und er trägt weit.

Auswählen heißt: Ich reagiere auf Optionen, die jemand anderes vorgegeben hat.

Wählen heißt: Ich handle aus meiner eigenen Klarheit heraus · unabhängig davon, was man mir vorlegt.

Im Restaurant bewegst du dich in einem Rahmen, den der Koch gesetzt hat. Das ist praktisch. Niemand will aus tausend Möglichkeiten wählen müssen. Barry Schwartz hat das in „The Paradox of Choice" beschrieben: Zu viele Optionen lähmen. Bei 24 Marmeladensorten kaufte kaum jemand, bei sechs kauften zehnmal so viele.

Auswählen ist also nicht das Problem. Das Problem beginnt, wenn der Unterschied verschwindet. Wenn die vorgelegte Karte zur ganzen Welt wird.

Das reicht bis in das hinein, was wir Wahl nennen. Bei einer politischen Wahl entscheidest du zwischen fertigen Programmen. Ob es das Programm gibt, das du eigentlich meinst, steht nicht auf dem Zettel. Das spricht nicht gegen das Verfahren. Es lohnt sich nur zu wissen, an welcher Stelle du gerade stehst.

Was in der Schule geübt wird

Ein Kind kommt in die erste Klasse. Voller Neugier, voller eigener Impulse. Zwölf Jahre später hat es gelernt: Die Fächer sind vorgegeben. Die Inhalte sind vorgegeben. Die Bewertungskriterien sind vorgegeben.

Es gibt Ausnahmen. Reformpädagogische Schulen setzen auf Selbstbestimmung, engagierte Lehrerinnen schaffen Freiräume, Projektunterricht lässt Eigeninitiative zu. Nur ist das die Ausnahme und nicht die Regel. Das reguläre System muss große Gruppen verwalten, Lehrpläne abarbeiten und vergleichbar bewerten. Nicht aus böser Absicht · aus Bauart.

Geübt wird dabei eine einzige Bewegung: Hier sind die Optionen, nimm eine davon. Zwölf Jahre lang, jeden Tag. Danach fühlt sie sich an wie das Leben selbst.

Nach der Schule läuft das Muster weiter. Im Job entscheidest du selten über das Was, meistens nur über das Wie. Im Konsum darfst du auswählen, welches Smartphone · ob du eines brauchst, hat jemand anderes längst beantwortet. Und über allem liegt ein Tempo, das kein Innehalten vorsieht. Wer schnell antwortet, prüft nicht, wer da eigentlich antwortet.

Wenn Ohnmacht zur Gewohnheit wird

Wer lange genug nur auswählt, kennt irgendwann ein Gefühl, das selten beim Namen genannt wird: Ohnmacht. Die Dinge passieren mit mir, nicht durch mich.

Martin Seligman hat dafür 1967 einen Namen gefunden: erlernte Hilflosigkeit. Tiere, die wiederholt in Situationen gerieten, in denen ihr Verhalten nichts änderte, gaben auf · und blieben auch dann liegen, als der Ausgang längst offen stand. Später zeigte sich dasselbe beim Menschen. Wer oft genug erlebt, dass es keinen Unterschied macht, hört auf, den Unterschied zu suchen.

Das ist der eigentliche Preis. Nicht, dass dir jemand Möglichkeiten wegnimmt. Sondern dass du aufhörst, nach ihnen zu schauen. Der Ausgang steht offen, und du siehst ihn nicht mehr.

Viele Menschen sind unglücklich und wissen nicht warum. Manchmal ist es das: Sie übersehen ihre Möglichkeiten, weil sie das Suchen verlernt haben.

Stille macht den Unterschied hörbar

Die Stimme, die weiß, was du wirklich willst, ist leise. Sie wird übertönt von Nachrichten, von Erwartungen und von den Optionen, die schon auf dem Tisch liegen. Damit sie hörbar wird, braucht sie einen Raum, in dem nichts anderes redet.

Der muss nicht groß sein. Drei Formen reichen für den Anfang.

Morgens, vor dem Handy. Fünf bis zehn Minuten. Augen zu, atmen, wahrnehmen. Kein Ziel.

Mitten am Tag. Tür zu, Handy stumm, fünf Minuten. Das genügt, um den Automatismus zu unterbrechen.

Abends eine Unterscheidung. Schreib drei Situationen des Tages auf, in denen du ausgewählt hast. Und daneben, was du gewählt hättest.

Ob das ein Privileg ist, wird an dieser Stelle oft gefragt. Es gibt Leben, in denen fünf ruhige Minuten unerreichbar wirken · drei Jobs, ein Kind, eine Krise. Für alle anderen ist es keine Frage der Zeit, sondern der Rangfolge. Und die Rangfolge ist selbst eine Wahl.

Ein Raum, in dem gefragt statt geantwortet wird

Manches wird erst hörbar, wenn ein anderer Mensch dabei ist. Der Neue Sokratische Dialog ist so ein Raum. Kein Ort, an dem dir gesagt wird, was du denken sollst. Ein Ort, an dem gefragt wird, bis du selbst hörst, was du denkst.

Die Fragen sind einfach: Was meinst du damit. Was spürst du dabei. Welche Möglichkeit siehst du noch. Zwischen den Fragen steht Stille, damit das Gesagte nachwirken kann. Bewertet wird nichts. Die Gruppe ist Spiegel, nicht Jury.

Was dabei geschieht, lässt sich in einem Satz sagen: Du merkst, dass du eine eigene Stimme hast.

Von unbewusster Auswahl zu bewusster Wahl

Es geht nicht darum, morgen alles umzustellen. Auch nicht darum, ab jetzt immer aus allen denkbaren Möglichkeiten zu wählen · das überfordert, und darin hat Schwartz recht behalten.

Es geht um den Moment davor. Um den Satz: Hier wähle ich aus, und das ist in Ordnung. Und hier hätte ich wählen können, ich habe es nur nicht gesehen.

Der Satz kostet nichts. Er verschiebt trotzdem etwas. Denn wer die Auswahl als Auswahl erkennt, steht beim nächsten Mal anders davor.

Solche Unterscheidungen entstehen im Neuen Sokratischen Dialog · in Kreisen, in denen niemand belehrt und keiner recht behalten muss. Wenn dich Zwischenrufe wie dieser erreichen sollen, trag dich in den Newsletter ein.

Quellen:

· Schwartz, B. (2004). The Paradox of Choice. Harper Perennial. · Seligman, M. E. P. & Maier, S. F. (1967). Failure to escape traumatic shock. Journal of Experimental Psychology, 74:1-9.