Zwischenruf

Halt suche ich erst, wenn ich schon falle · Zwischenruf

„Mir hat es sehr gut getan, was ich gar nicht gedacht hätte."

Das sagte ein Mann am Ende eines Abends im Neuen Sokratischen Männerkreis, Jahresgruppe 2026, an dem wir über eine einzige Frage gesprochen hatten. Ich habe den Satz mitgenommen, aber nicht wegen des Lobs. Wegen des Nachsatzes.

Da sitzt ein erwachsener Mann drei Stunden lang mit anderen Männern zusammen, spricht über etwas, das ihn wirklich angeht, und stellt danach überrascht fest, dass ihm das guttut. Womit hatte er gerechnet? Und woher kommt eine Erwartung, die so tief sitzt, dass sie einen ganzen Abend überlebt und erst am Ende kippt?

Diese Dynamik begegnet mir seit dem ersten Neuen Sokratischen Dialogkreis 2021 immer wieder. Menschen fragen sich vorher:

  • Drei Stunden? So lange?
  • Eine Frage, nur eine Frage?
  • Mit fremden Menschen in die Tiefe gehen · das gelingt mir doch bei meinen besten Freunden kaum

Und wenn sie sich darauf einlassen, sagen dieselben Menschen hinterher, die drei Stunden seien zu kurz gewesen. Was passiert in so einem Abend, das eine Erwartung so gründlich widerlegt?

Ich mache das mit mir aus

Die Aussage von diesem Abend kann ich auch anders deuten. Wenn es mir nicht gut geht, ziehe ich mich zurück. Ich zeige es keinem. Ich habe gelernt, dass ein Mann das mit sich ausmacht. Ich leide lieber allein, als mir außerhalb von mir Halt zu suchen.

Wenn etwas schwierig wird, versuche ich es also zuerst allein. So lange wie möglich. Ich frage nicht früh, ich frage spät. Meistens frage ich erst, wenn es gar nicht mehr geht.

Das klingt nach Stärke, und eine Weile funktioniert es auch. Ich komme klar, ich halte, ich bin der, auf den Verlass ist. Ich kenne viele Männer, die genauso ticken. Wir tauschen Lösungen aus, keine Zustände. Wir fragen einander, wie es läuft, nicht wie es geht.

Ist das gesund? Nein. Das ist keine Erkenntnis, das weiß ich seit Jahren. Die Frage, die mich wirklich beschäftigt, ist eine andere: Warum tue ich es dann selbst nicht? Was hält mich eigentlich, solange ich niemanden frage?

Der Halt, den ich mir selbst baue

Ich glaube, ich baue mir einen Ersatz. Ich habe Rollen: Vater, Partner, Selbstständiger, der, der den Kreis hält. Ich habe Zuständigkeiten. Ich habe Aufgaben, die morgen früh auf mich warten. Das trägt. Eine Struktur, in der ich gebraucht werde, ist ein erstaunlich stabiles Gerüst.

Nur hält ein Gerüst mich aufrecht, es hält mich nicht. Es fragt nicht nach, wie es mir geht. Es merkt nicht, wenn ich müde bin. Es funktioniert weiter, auch wenn ich innerlich längst abwesend bin · und es funktioniert umso besser, je weniger ich zeige.

Was passiert mit mir, wenn die Rolle wegfällt, die mich trägt? Und warum arbeite ich an einem Halt, der genau dann aufhört, wenn ich ihn am nötigsten hätte?

Was hält uns zusammen?

Aus der Runde kam später eine Frage, die ich seitdem mit mir herumtrage: Was hält uns zusammen?

Ich drehe sie um. Wenn Beziehung hält, dann macht Beziehungslosigkeit haltlos. Das lässt sich leicht behaupten und schwer aushalten. Denn dann wäre mein „Ich komm schon klar" keine Marotte, sondern die Methode, mit der ich mir genau das entziehe, was mich tragen würde.

Ich merke, wie ich diesen Satz beim Schreiben sofort relativieren will.

Woran erkenne ich den Unterschied zwischen Selbstständigkeit und Rückzug? Von innen fühlen sich beide gleich an.

Muss es mir schlecht gehen, damit ich Halt annehmen kann?

Auch diese Frage kam aus der Runde, und sie hat gesessen. Bei mir ist die Antwort bisher ja. Solange es irgendwie geht, geht es irgendwie. Ich rufe niemanden an, weil mir etwas fehlt. Ich rufe an, wenn etwas kaputt ist.

Damit mache ich Hilfe zu einem Notfallinstrument. Ein Notfallinstrument benutzt man selten, übt es nie, und im Ernstfall weiß man nicht, wie es funktioniert. Wen rufe ich um vier Uhr morgens an? Und wann habe ich zuletzt jemanden angerufen, nur weil ich reden wollte · ohne Anlass, ohne Problem?

Der Abend hat mir gezeigt, wie ungeübt ich bin. Nicht im Reden. Im Empfangen.

Die Frage hatte eine Lücke

Wir hatten mit einer sehr kurzen Frage angefangen: Was hält dich?

Einer schrieb hinterher, da fehle doch mindestens ein Wort. Was hält dich fest? Was hält dich aufrecht? Was hält dich ab?

Er hatte recht. Und trotzdem war die Lücke das Beste an der Frage. Jeder hat sie mit dem gefüllt, was bei ihm gerade dran war. Der eine hörte Halt, der andere hörte Festhalten. Beides steckt im selben Wort, und vermutlich ist das kein Zufall.

Was, wenn Halt und Festhalten nicht zwei Dinge sind, sondern dasselbe in unterschiedlicher Dosis? Woran merke ich, wo das eine aufhört?

Ehrlich zum Schluss

Ich schreibe das hier und weiß dabei: Es ist leichter, über Halt zu schreiben, als ihn anzunehmen. Ein Text ist schnell fertig. Ein Anruf, in dem ich sage, dass ich gerade nicht weiterweiß, ist etwas völlig anderes.

Also keine Empfehlung von mir, sondern das, was ich mir selbst vornehme: einmal früher fragen als nötig. Nicht wenn es brennt. Vorher.

Und die Fragen, die bleiben:

Wen halte ich, ohne dass er es weiß?

Wer hält mich, ohne dass ich es zugebe?

Was müsste passieren, damit ich frage, bevor ich falle?

Was verbindet mich wirklich mit den Menschen, die mir nah sind?


Solche Fragen kommen regelmäßig als Zwischenruf per Mail. Keine Ratschläge, eine Frage nach der anderen.

Der Neue Sokratische Männerkreis läuft als Jahresgruppe. Die Ausschreibung für 2027 startet bald · bei Interesse schreib mich an.