Zwischenruf

Was hat dein Leben mit Nebel zu tun?

In einer Woche wird unser Sohn Miro eingeschult. Sein Schulranzen steht schon im Flur · Mitte August, die letzte Ferienwoche hat begonnen, fünf Wochen Sommer liegen hinter uns. Beim Zurückblicken stolpere ich über ein Wort: Leben. Rückwärts gelesen wird daraus Nebel. Dieselben Buchstaben, zwei Welten. Ist das mehr als Zufall?

Rückwärts ist alles klar

Wenn ich zurückschaue, wirkt mein Weg schlüssig. Ich sehe, was war und wozu es geführt hat. Eine Entscheidung folgt aus der anderen, als hätte es nie anders kommen können.

Im Augenblick selbst ist davon nichts zu spüren. Da ist Tasten. Stimmt die Richtung? Wer geht mit mir? Was kommt als Nächstes? Jeder Schritt geschieht ins Ungewisse · und wo eben noch Klarheit war, steht eine Sekunde später wieder Nebel. Wege, die selbstverständlich schienen, sind verschüttet oder tragen nicht mehr.

Im Nebel gibt es auch Rufer. Stimmen aus der Ferne, die das Heil versprechen, weil sie einen Ort erreicht haben, den ich nicht sehen kann. Soll ich ihnen folgen? Oder einen eigenen Weg wagen?

Danke, Nebel

Lange habe ich den Nebel als Zumutung erlebt. Heute beginne ich zu ahnen, dass er ein Geschenk sein könnte. Denn der Nebel holt mich in den Augenblick. Er macht mich präsent, ob ich will oder nicht.

Ein Leben ohne ihn, mit freier Sicht bis zum Horizont, würde mich verführen, immer im Morgen zu leben. Immer für das Ziel, immer auf dem Sprung zum nächsten Besseren. Ich würde glauben, ich wüsste, wie mein Weg verläuft und was mich erwartet. Der Nebel nimmt mir diese Illusion · und gibt mir dafür das Einzige, was ich wirklich habe: diesen Moment, diesen einen Schritt.

Zwischen Leben und Nebel wohnen noch andere Wörter: Beben. Heben. Rebell. Als hätte die Sprache geahnt, dass zum Gehen im Nebel das Zittern gehört, das Aufrichten, das Aufbegehren.

Als der Nebel ein Versteck war

Es gab Zeiten, da war ich allein im Nebel unterwegs. Ich fühlte mich einsam und verloren · und zugleich nutzte ich das Grau als Versteck. Wer im Nebel steht, muss sich nicht zeigen. Ich habe mich hinter ihm verborgen und gleichzeitig unter ihm gelitten. Beides war wahr, am selben Tag, oft in derselben Stunde.

Gemeinsam verweilen

Was sich verändert hat, ist nicht der Nebel. Es sind die Menschen darin. Heute gehe ich nicht mehr allein. Da sind Rituale, Gedanken, Beziehungen, die mich begleiten · und die ich begleite. Vor allem aber sind da Gespräche. Jeder Dialog ist ein gemeinsames Verweilen im Nebel: kurze Augenblicke des Getragen-Seins, ein Austausch darüber, was der andere gerade sieht, fühlt, spürt. Niemand von uns kennt den Weg. Aber wir können einander erzählen, was wir von unserer Stelle aus erkennen.

Wohin wir gehen, wissen wir nicht. Wie lange wir gehen, wissen wir nicht. Was uns unterwegs begegnen wird, wissen wir nicht. Doch wie wir darauf antworten, das liegt in jedem Augenblick bei uns. Und mit wem wir gehen, auch.

In der kommenden Woche werde ich neben Miro stehen, wenn für ihn die Schule beginnt. Auch das: ein Schritt in den Nebel. Ich kann ihm nicht sagen, was ihn erwartet. Ich kann nur mitgehen, so weit sich mitgehen lässt. Vielleicht ist es genau das, was wir füreinander tun können · im Leben, im Nebel, im Dialog.

Wer verweilt mit dir im Nebel?

Fragen wie diese entstehen im Neuen Sokratischen Dialog · in Dialogkreisen, in denen niemand belehrt und keiner recht behalten muss. Wenn dich solche Zwischenrufe erreichen sollen, trag dich in den Newsletter ein.