Glossar zum Sokratischen Gespräch • Sokratischer Dialog (A–Z)
Dieses Glossar erklärt zentrale Begriffe des Sokratischen Gesprächs, des Sokratischen Dialogs sowie verwandter dialogischer, philosophischer und methodischer Traditionen. Alle Begriffe sind alphabetisch sortiert.
A
Abstraktion
Der Übergang vom konkreten Beispiel zu einer allgemeingültigen Einsicht. Im klassischen Sokratischen Gespräch ist dies ein eigener methodischer Schritt.
Annahme
Eine oft unausgesprochene Voraussetzung hinter einer Aussage. Im Sokratischen Gespräch werden Annahmen aufgedeckt und überprüft.
Antithese
Eine Aussage, die einer These widerspricht. In dialektischen Prozessen entsteht aus These und Antithese oft eine weiterführende Einsicht.
Aporie
Der Zustand des Nicht-Weiter-Wissens. Ein zentraler Moment im sokratischen Fragen: Alte Gewissheiten lösen sich auf und Raum für neue Einsichten entsteht.
Argument
Eine begründete Aussage, die zeigt, warum etwas gelten soll. Sokratische Gespräche arbeiten argumentativ, nicht meinungsbasiert.
Aspasia von Milet (ca. 470–400 v. Chr.)
Aspasia stammte aus Milet und lebte im 5. Jahrhundert v. Chr. in Athen. Als Metöke (auswärtige Bewohnerin) besaß sie keine politischen Rechte · sie durfte nicht wählen, kein Land besitzen, keine Ämter ausüben.
Dennoch beschreiben antike Quellen sie als gebildete Gesprächspartnerin. Platon lässt in seinem Dialog „Menexenos“ Sokrates von ihr als seiner Lehrerin der Rhetorik sprechen. Der Sokratiker Aischines stellt sie als Lehrerin für politische Bildung dar. Wie viel davon historische Realität ist und wie viel literarische Konstruktion, lässt sich nicht mehr genau trennen.
Aspasia stand Perikles nahe, dem führenden Staatsmann Athens. Ihre Verbindung war rechtlich keine gültige Ehe, da sie keine athenische Bürgerin war. Der Dichter Hermippos klagte sie wegen Gottlosigkeit an · Perikles musste sie vor Gericht verteidigen.
Für den Neuen Sokratischen Dialog bedeutsam: Aspasia zeigt, dass Dialog-Räume auch außerhalb formaler Strukturen entstehen können. Sie steht für die Erkenntnis, dass Präsenz und Haltung wirksamer sein können als Status. Ihre Geschichte illustriert, wie Menschen durch die Qualität ihrer Fragen und ihres Zuhörens Wirkung entfalten · unabhängig von institutioneller Macht.
B
Beispiel
Ein konkretes Erlebnis der Teilnehmenden, an dem die Leitfrage untersucht wird. Grundlage des klassischen Sokratischen Gesprächs.
Begriffsklärung
Der Prozess, unklare Begriffe präzise zu definieren. Geschieht anhand konkreter Beispiele.
Begründung
Die Gründe, auf denen eine Aussage ruht. Im Dialog wird immer wieder nach Begründungen gefragt.
Bewusstsein
Der Raum, gegenwärtig zu sein und wahrzunehmen · sowohl die äußere Welt als auch innere Vorgänge wie Gedanken, Gefühle und Körperempfindungen. Bewusstsein ist nicht identisch mit dem Gedachten oder Gefühlten, sondern der Raum, in dem all dies erscheint.
Diese Unterscheidung ist zentral: Gedanken kommen und gehen, Emotionen entstehen und vergehen · Bewusstsein selbst bleibt. Wenn du bemerkst, dass du denkst, bist du bereits einen Schritt zurückgetreten. Du bist nicht der Gedanke, sondern derjenige, der ihn wahrnimmt.
Im Dialog entsteht Bewusstsein durch verlangsamtes Sprechen und aktives Zuhören. Wenn Raum entsteht zwischen Frage und Antwort, zwischen Gesagtem und Reaktion, öffnet sich ein Bewusstseinsraum. Hier wird sichtbar, was sonst automatisch abläuft: Annahmen, Urteile, Identifikationen.
Bewusstsein bedeutet nicht, alles zu durchdenken oder zu analysieren. Es bedeutet, präsent zu sein mit dem, was gerade ist · ohne sofort zu bewerten, zu erklären oder wegzuschieben. Diese Form der Präsenz schafft Klarheit jenseits des Kopfkinos.
Auf einer höheren Ebene ist das Bewusstsein die Verbindung zum universellen Bewusstseinsfeld.
Für den Neuen Sokratischen Dialog bedeutsam: Bewusstsein ist die Grundlage jeder echten Selbsterkenntnis. Ohne die Fähigkeit, innezuhalten und wahrzunehmen, bleibt Dialog Gedankenaustausch. Erst wenn Bewusstsein entsteht · für das eigene Denken, für Reaktionsmuster, für das Unausgesprochene · kann sich zeigen, was wirklich ist. Der Dialog öffnet diesen Bewusstseinsraum durch Fragen, Stille und die Qualität der Präsenz.
D
Debatte
Ein Gespräch, das auf das Gewinnen einer Position ausgerichtet ist. Im Sokratischen Dialog bewusst nicht das Ziel.
Definition
Eine klare Bestimmung dessen, was ein Begriff bedeutet. Im Dialog entsteht sie prozessual und präzise.
Dialog
Das gemeinsame Erkunden einer Frage. Kein Streitgespräch, sondern ein Prozess des Verstehens und Prüfens.
Dialektik
Philosophische Methode, die mit Gegensätzen (These • Antithese) arbeitet, um zu tieferen Einsichten zu gelangen.
Denkprozess
Der Weg, den eine Gruppe von der Leitfrage über Beispiele und Analysen bis zur Einsicht geht.
E
Elenktik
Der sokratische „Widerlegungsdialog“. Eine Fragetechnik, in der widersprüchliche Annahmen entlarvt werden. Ziel ist das Auflösen von Scheinwissen.
Epiktet (ca. 50–138 n. Chr.)
Epiktet war Sklave, bevor er Philosoph wurde. Sein „Handbüchlein der Moral“ (Enchiridion) ist eine der klarsten Anleitungen zur stoischen Lebensführung.
Seine berühmte Unterscheidung: „Es sind nicht die Dinge selbst, die uns beunruhigen, sondern unsere Meinungen über die Dinge.“ Damit betont er die Macht der inneren Haltung über äußere Umstände.
Für den Neuen Sokratischen Dialog bedeutsam: Epiktets Fokus auf die Prüfung eigener Urteile ist dem sokratischen Fragen verwandt. Seine Unterscheidung zwischen Kontrollierbarem und Nicht-Kontrollierbarem hilft in dialogischen Prozessen, Klarheit über eigene Handlungsmöglichkeiten zu gewinnen.
Erfahrung
Das konkrete Erleben, das als Beispiel im Gespräch genutzt wird.
Erkenntnis
Ein innerlich nachvollziehbares, geprüftes Verstehen. Zentrales Ziel des Sokratischen Gesprächs.
F
Frage
Ausgangspunkt des Gesprächs. Gute Fragen öffnen Denkwege und werden im Verlauf oft präzisiert.
Fragetechnik
Die Kunst, Fragen so zu stellen, dass sie klären, prüfen, unterscheiden oder vertiefen · ohne zu manipulieren.
G
Geltungsanspruch
Der Anspruch, dass eine Aussage allgemeine Gültigkeit besitzt. Wird im Gespräch ständig geprüft.
Gedankenanalyse
Der methodische Schritt, in dem Gründe, Annahmen und Zusammenhänge untersucht werden.
Gorgias (ca. 485–380 v. Chr.)
Gorgias war einer der bedeutendsten Sophisten und Rhetoriker. Er lehrte die Kunst der überzeugenden Rede und vertrat einen radikalen Skeptizismus: In seiner Schrift „Über das Nichtseiende“ behauptet er, dass nichts existiert, und wenn doch, es nicht erkannt werden kann, und wenn doch, es nicht mitgeteilt werden kann.
Gorgias zeigte die Macht der Sprache: Sie kann täuschen, verzaubern, überzeugen · unabhängig von der Wahrheit. Diese Position machte ihn zum Gegenspieler des Sokrates, der nach wahrer Erkenntnis strebte.
Für den Neuen Sokratischen Dialog bedeutsam: Gorgias erinnert daran, wie leicht Sprache manipulieren kann. Seine Skepsis ist eine Warnung: Dialog braucht mehr als rhetorisches Geschick · er braucht die Absicht, Wahrheit gemeinsam zu suchen, nicht zu konstruieren.
Gruppe
Der Raum, in dem das Denken miteinander stattfindet. Die Vielfalt der Perspektiven ist Teil des Erkenntnisprozesses.
H
Haltung
Die innere Qualität, mit der jemand spricht und zuhört: offen, fragend, nicht-wissend.
Hypothese
Eine vorläufige Annahme, die im Gespräch geprüft wird.
I
Intuition
Eine spontane Einsicht. Im Sokratischen Dialog wird Intuition nicht ausgeschlossen, aber immer geprüft und reflektiert.
K
Klarheit
Das Ergebnis präziser Begriffe und geprüfter Argumente.
Konflikt
Eine Spannung zwischen Überzeugungen. Im Dialog wird er untersucht, nicht übergangen.
Konsequenz
Die Folgerichtigkeit eines Gedankens. Wird im Gespräch kritisch geprüft.
L
Leitfrage
Die zentrale Frage, die das gesamte Gespräch strukturiert.
M
Maieutik
Die „Hebammenkunst“ des Sokrates: Eine Fragetechnik, bei der Einsichten nicht vermittelt, sondern durch kluges Fragen beim Gegenüber „geboren“ werden.
Marc Aurel (121–180 n. Chr.)
Marc Aurel war römischer Kaiser und Philosoph. Seine „Selbstbetrachtungen“ sind persönliche Notizen, kein Lehrbuch · Reflexionen über Pflicht, Vergänglichkeit und innere Ruhe inmitten äußerer Verantwortung.
Er schreibt: „Du hast Macht über deinen Geist · nicht über äußere Ereignisse. Erkenne dies, und du wirst Stärke finden.“ Seine Philosophie ist praktisch: Wie bleibt man innerlich frei, auch wenn die äußeren Umstände erdrückend sind?
Für den Neuen Sokratischen Dialog bedeutsam: Marc Aurels Selbstreflexion zeigt, dass philosophisches Denken nicht abstrakt bleiben muss, sondern mitten im Leben stattfinden kann. Seine Fragen · nach dem, was in unserer Macht liegt · sind auch im Dialog zentral.
Meinung
Eine subjektive Einschätzung. Im Sokratischen Gespräch wird sie in überprüfbare Argumente überführt.
Moderation
Die Leitung des Gesprächs. Sie gibt keinen Inhalt vor, sondern achtet auf Ablauf, Klarheit und Struktur.
N
Neuer Sokratischer Dialog
Eine Weiterentwicklung des klassischen Sokratischen Dialogs von Thomas Rehehäuser, um den Anforderungen des 21. Jahrhunderts gerecht zu werden. Link für Details.
Neville Goddard (1905-1972)
Neville Goddard wurde 1905 auf Barbados geboren und verbrachte den Großteil seines Lebens in New York, wo er als Vortragsredner und Autor wirkte. Seine Lehre kreist um eine zentrale Erkenntnis: Bewusstsein ist die einzige Realität. Die äußere Welt ist nicht Ursache, sondern Ausdruck dessen, was im Bewusstsein als wahr angenommen wird.
Sein bekanntester Satz: „Ich bin“. Alles, was du hinter diese beiden Worte setzt, wird zu deiner Erfahrung. „Ich bin krank“, „Ich bin erfolgreich“, „Ich bin einsam“ · nicht als leere Worte, sondern als gefühlte Zustände des Seins formen sie die Realität. Für Neville war Imagination keine Fantasie, sondern schöpferische Kraft. Die Fähigkeit, sich in einen gewünschten Zustand hineinzuversetzen und ihn als bereits erfüllt zu erleben, ist der Schlüssel zur Veränderung.
Neville lehrte keine Techniken der Manifestation im oberflächlichen Sinn. Er sprach von der Notwendigkeit, das alte Selbstbild loszulassen und das neue als gegenwärtige Tatsache zu bewohnen · nicht als Wunsch, sondern als Gewissheit. „Annehmen heißt nicht hoffen oder glauben · es heißt wissen, dass es bereits so ist.“
Seine Vorträge und Bücher wie „The Power of Awareness“ oder „Feeling is the Secret“ sind direkt, praktisch und spirituell zugleich. Neville verzichtete bewusst auf religiöse Dogmen und übersetzte biblische Geschichten als psychologische Wahrheiten über die Natur des Bewusstseins.
Für den Neuen Sokratischen Dialog bedeutsam: Nevilles Fokus auf das „Ich bin“ berührt die tiefste Ebene der Selbsterkenntnis. Im Dialog geht es nicht nur darum, Gedanken zu prüfen und zu bewerten (!) · sondern zu erkennen, mit welchen Zuständen des Seins wir identifiziert sind. Seine Lehre erinnert daran, dass Transformation nicht durch neue Konzepte entsteht, sondern durch die Veränderung dessen, was wir im Innersten für wahr halten. Der Dialog öffnet den Raum, in dem diese unbewussten Annahmen sichtbar werden · und bewusst neu gewählt werden können.
Nicht-Wissen
Die sokratische Grundhaltung: offen, fragend, ohne Anspruch auf Vorwissen oder Recht-Haben.
P
Perspektive
Der Standpunkt, von dem aus jemand spricht. Im Dialog werden Perspektiven sichtbar gemacht und verglichen.
Präzision
Sprachliche und gedankliche Genauigkeit · eine Kernqualität des Sokratischen Gesprächs.
Prämisse
Eine grundlegende Voraussetzung, auf der ein Argument aufbaut.
Prodikos (ca. 465–395 v. Chr.)
Prodikos war ein Sophist, der sich besonders mit der präzisen Bedeutung von Wörtern beschäftigte. Er lehrte die Unterscheidung zwischen Begriffen, die oft synonym verwendet werden, aber feine Unterschiede tragen · etwa zwischen „Wunsch“ und „Begierde“ oder „Furcht“ und „Angst“.
Seine berühmteste Geschichte ist „Die Wahl des Herakles“, in der der junge Held zwischen einem Leben in Tugend und einem Leben in Genuss wählen muss. Diese Erzählung wurde zum Vorbild für ethische Entscheidungsfragen.
Für den Neuen Sokratischen Dialog bedeutsam: Prodikos‘ Betonung der Begriffsklarheit ist eine Grundlage präzisen Denkens. Seine Arbeit zeigt: Sprache formt Denken · wer Begriffe schärft, denkt klarer.
Protagoras (ca. 490–420 v. Chr.)
Protagoras war einer der ersten und einflussreichsten Sophisten. Sein berühmter Satz „Der Mensch ist das Maß aller Dinge“ drückt einen erkenntnistheoretischen Relativismus aus: Wahrheit ist nicht absolut, sondern abhängig von der menschlichen Wahrnehmung und Perspektive.
Protagoras lehrte, dass zu jedem Thema zwei entgegengesetzte Argumente möglich sind. Diese Technik des „Dissoi Logoi“ (doppelte Rede) machte ihn zum Meister der Debatte. Er vertrat die Position, dass Tugend lehrbar sei · eine These, die Sokrates und Platon kritisch hinterfragten.
Für den Neuen Sokratischen Dialog bedeutsam: Protagoras‘ Relativismus erinnert daran, dass Perspektiven vielfältig sind. Seine Methode des Pro und Contra ist Teil dialogischer Praxis · doch der Dialog sucht nicht nur Argumente, sondern gemeinsame Wahrheit jenseits der Rhetorik.
R
Regressive Abstraktion
Eine Methode, bei der ausgehend von einer konkreten Aussage nach den allgemeineren, zugrunde liegenden Gedanken gefragt wird. Wichtig in der Nelson-Heckmann-Tradition.
Resonanz
Ein Mitschwingen in Beziehung und Bedeutung. Resonanz kann nicht hergestellt ist, sie ist unverfügbar. Im Neuen Sokratischen Dialog ein wesentlicher Erfahrungsraum, der sich öffnen kann.
Rolle
Die Funktion, die jemand im Gespräch einnimmt: Beitragende, Zuhörende, Fragende, Leitende. Manche bezeichnen es auch als Maske, Funktion.
S
Seneca (ca. 4 v. Chr.–65 n. Chr.)
Seneca war Philosoph, Dramatiker und Berater des Kaisers Nero. Seine Briefe an Lucilius sind praktische Lebenshilfe: Wie geht man mit Rückschlägen um? Wie lebt man mit dem Wissen um die eigene Sterblichkeit?
Seneca betonte die Bedeutung der Selbstreflexion: „Wir leiden mehr in der Vorstellung als in der Wirklichkeit.“ Er lehrte, dass wir unsere Zeit verschwenden, wenn wir nicht bewusst leben. Seine Schriften sind voller konkreter Ratschläge für den Alltag.
Für den Neuen Sokratischen Dialog bedeutsam: Senecas Selbstreflexion und sein Fokus auf das Prüfen eigener Gedanken sind dem sokratischen Fragen verwandt. Seine Philosophie zeigt, dass Denken nicht theoretisch bleiben muss, sondern mitten im Leben stattfindet.
Sokrates (469–399 v. Chr.)
Sokrates wurde 469 v. Chr. in Athen geboren und starb 399 v. Chr. durch den Schierlingsbecher, nachdem er wegen Gottlosigkeit und Verführung der Jugend zum Tode verurteilt worden war. Er hinterließ selbst keine Schriften · unser Wissen über ihn stammt hauptsächlich von seinen Schülern Platon und Xenophon.
Die sokratische Methode (Maieutik): Sokrates entwickelte eine philosophische Methode des strukturierten Dialogs, die er „Hebammenkunst“ nannte. Durch gezielte Fragen half er seinen Gesprächspartnern, ihre eigenen Irrtümer zu erkennen und selbst zu tieferen Einsichten zu gelangen. Seine Methode beruht nicht auf dem Vermitteln von Wissen, sondern auf dem gemeinsamen Suchen nach Wahrheit durch Fragen.
Sokratisches Nichtwissen: Sein Ausspruch „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ drückt aus, dass das Eingeständnis der eigenen Unwissenheit der erste Schritt zu wahrem Wissen ist. Diese Haltung unterschied ihn von den Sophisten, die behaupteten, Wissen vermitteln zu können.
Sokrates philosophierte auf dem Athener Marktplatz, sprach Menschen auf der Straße an und ließ sich · im Gegensatz zu den Sophisten · für seine Lehrtätigkeit nicht bezahlen. Er stellte die Selbsterkenntnis („Erkenne dich selbst“) und das ethische Leben in den Mittelpunkt.
Für den Neuen Sokratischen Dialog bedeutsam: Sokrates zeigt, dass Dialog eine Haltung ist, keine Technik. Seine Methode des fragenden Gesprächs, das Scheinwissen entlarvt und zur Selbstreflexion führt, ist bis heute Grundlage dialogischer Praxis.
Sokratisches Gespräch
Die von Nelson und Heckmann entwickelte Methode, bei der eine Gruppe anhand eines Beispiels eine Frage untersucht und zu allgemeinen Einsichten gelangt.
Sokratischer Dialog
Oberbegriff für dialogische Formen, die an Sokrates anknüpfen. Umfasst klassische und moderne Weiterentwicklungen.
Sophisten (5. Jahrhundert v. Chr.)
Die Sophisten waren wandernde Lehrer im antiken Griechenland (vor allem 5. Jahrhundert v. Chr.), die gegen Bezahlung Rhetorik, Argumentationskunst und politische Bildung vermittelten. Zu den bedeutendsten gehörten Protagoras, Gorgias und Prodikos.
Sie lenkten die Philosophie erstmals vollständig auf den Menschen und die Gesellschaft. Sie hinterfragten Traditionen, Mythen und scheinbar selbstverständliche Normen. Protagoras‘ Satz „Der Mensch ist das Maß aller Dinge“ drückt ihren Relativismus aus: Wahrheit und Moral sind nicht absolut, sondern abhängig von menschlicher Wahrnehmung.
Die Sophisten entwickelten systematisches Argumentieren Pro und Contra. Sie lehrten, wie man durch geschickte Argumentation das schwächere Argument zum stärkeren machen kann · eine Fähigkeit, die in der athenischen Demokratie entscheidend für politischen Erfolg war.
Platon kritisierte die Sophisten scharf: Sie kümmerten sich nur um Streitkunst statt um Wahrheit, und sie verlangten Geld für Unterricht (was als unstandesgemäß galt). Moderne Forschung sieht sie differenzierter: als Aufklärer, die kritisches Denken förderten.
Für den Neuen Sokratischen Dialog bedeutsam: Die Sophisten zeigen die Macht der Sprache und Argumentation. Ihre Skepsis gegenüber absoluten Wahrheiten ist auch für dialogische Praxis relevant. Zugleich markieren sie die Abgrenzung: Während Sophisten auf Überzeugung und Sieg zielten, sucht der sokratische Dialog nach gemeinsamem Verständnis.
Stille
Ein aktiver Raum zwischen den Worten, in dem sich Einsichten setzen und Gedanken klären können.
Stoiker · Philosophie der inneren Freiheit
Die Stoa entstand um 300 v. Chr. in Athen und blieb über Jahrhunderte eine der einflussreichsten philosophischen Schulen. Der Name leitet sich von der „Stoa Poikile“ (bemalte Säulenhalle) ab, wo der Gründer Zenon von Kition lehrte. Besonders die römischen Stoiker der Kaiserzeit · Seneca, Epiktet und Marc Aurel · prägten das Bild dieser Philosophie bis heute.
Kernlehren der Stoa: Die Stoiker unterschieden streng zwischen dem, was in unserer Macht liegt (unsere Urteile, Absichten, Reaktionen) und dem, was nicht in unserer Macht liegt (äußere Ereignisse, Meinungen anderer, Schicksalsschläge). Freiheit entsteht durch die Konzentration auf das Kontrollierbare. Das führt zu Gelassenheit (Ataraxia) und innerer Unabhängigkeit.
Für die Stoiker war Tugend das höchste Gut. Ethisches Handeln bedeutet, im Einklang mit der Vernunft (Logos) und der Natur zu leben. Gefühle wie Wut, Angst oder übermäßige Freude wurden als Störungen betrachtet, die aus falschen Urteilen über äußere Dinge entstehen.
Für den Neuen Sokratischen Dialog bedeutsam: Die stoische Selbstreflexion · die Prüfung eigener Urteile und Annahmen · ist dem sokratischen Fragen verwandt. Die Unterscheidung zwischen Kontrollierbarem und Nicht-Kontrollierbarem hilft auch in dialogischen Prozessen, Klarheit über eigene Handlungsmöglichkeiten zu gewinnen. Die Stoiker zeigen, dass Philosophie keine Theorie ist, sondern Lebenspraxis.
Synthese
Eine neue Einsicht, die aus der Bewegung zwischen These und Antithese entsteht (dialektische Fortführung).
T
These
Eine Behauptung, die zur Klärung aufgestellt und geprüft wird.
Tiefe
Die Qualität, in der grundlegende Annahmen, Widersprüche und Werte sichtbar werden. Sie geht über das reine Denken hinaus, und ermöglicht Einsichten, die jenseits der bekannten Denkautobahnen liegen.
Thomas (Apostel)
Entgegen der dominierende Ansicht, es sei Thomas der Zweifler, galt er durch das Thomas-Evangelium und vor allem durch „Buch des Thomas“ als Fragender. Im „Buch des Thomas“ befragt er Jesus.
U
Überprüfung
Der methodische Schritt, in dem eine gewonnene Einsicht an weiteren Beispielen getestet wird.
Urteil
Eine abschließende Bewertung oder Entscheidung. Im Dialog wird untersucht, worauf ein Urteil sich stützt.
V
Verallgemeinerung
Der Übergang vom Einzelfall zu einer allgemeingültigen Aussage. Vom Ich zum Wir. Der Beginn von Übergriffigkeit.
Verstehen
Das tiefere inhaltliche Nachvollziehen eines Gedankens, einer Erfahrung oder eines Arguments · intellektuell und existenziell. Verstehen an sich ist eine Illusion. Oftmals ist es nur ein (oftmals unbewusste) Reduktion der Kommunikation, die zu späteren Missverständnissen und Unstimmigkeiten führt · obwohl sie in der Normkultur das Gegenteil zu vermitteln scheint.
W
Wahrheit
Im Sokratischen Gespräch kein Besitz, sondern ein Prozess: Wahrheit ist stets subjektiv, flüchtig und niemals greifbar. Wer sie zu besitzen glaubt, hat sich bereits verloren.
Widerspruch
Situation, in der sich zwei Aussagen widersprechen, d. h. aus logischer Sicht nicht gleichzeitig gültig sein können. Diese Aussagen können von einer Person oder unterschiedlichen Personen stammen. Diese gilt es nicht aufzulösen oder zu entscheiden, sondern durch sie in die Tiefe eintauchen. Die Erkenntnis von Widerspruch ist nicht der Widerspruch an sich, sondern das, was es in einem auslöst.
Würde
Die Anerkennung der Eigenbedeutung jedes Menschen. Grundlage eines respektvollen Dialogs · unabhängig den Aussagen der Dialogpartner.
